„THE MASK” AUS AMSTERDAM AUF DEM LIEBFRAUENBERG


Donnerstag, 15. August 1985

FAST WIE IM RICHTIGEN THEATER

Die überdimensionalen Masken, in welche die Akteure des Amsterdamer Theaters „The Mask” geschlüpft sind, erlauben eine plastische und plakative Charakterisierung der Typen, eine Typisierung der Charaktere.

Die Schöne, die dem Frommen den Kopf verdreht, hat es leicht: Das Haupt aus Pappmache ist, wie das eigene, aufgesetzt. Die überdimensionalen Masken, in welche die Akteure des Amsterdamer Theaters „The Mask” geschlüpft sind, erlauben eine plastische und plakative Charakterisierung der Typen, eine Typisierung der Charaktere. Doch die sind nicht aus dem Leben gegriffen, sondern aus dessen schauspielerischem Abbild. Es sind simplifizierte Variationen aus dem Tanztheater, Illustrationen eines musikalischen Themas.
Die Tänzerin mit der sinnlichen Mischung aus Blondhaar und schwellendem Mund weist sich als Salome aus, ihr Opfer Johannes erscheint als Beter im Büßergewand. Hat er sich eben noch devot gewunden, hat zu den stampfenden Rhythmen eines stilisierten Chorals beschwörend mit dem Brevier gestikuliert, um mit den abschwellenden Molltönen vollends zusammenzusinken, da greifen flotte und lebensbejahende Tonfolgen Raum, als weibliche Wollust sich der Bühne bemächtigt. Das Drama nimmt seinen bekannten, hier durch getanzte Schnörkel untermalten Lauf, der Versuchte bleibt standhaft und verliert dafür seinen Kopf. Nun aber holt ihn der Geist der Unterwelt, dessen schwarzes Kostüm dennoch die Gegenseite verkörpert.
Blutig und tragisch geht es auch sonst zu — fast wie im richtigen Theater. Zwei in weißen Tüll gewandete Liebende, begleitet von einem Streicher-Rührstück, schmachten sich an, jubilieren in grazilen Ballettsprüngen und versinken in selbstvergessene Kreise, bis sie zum sublimierenden Gedröhn aus der Laut-sprecherbox Erfüllung im gemeinsamen Selbstmord finden. Ein Querschnitt aus dem Repertoire des Melodrams, das Ritual der Affekte wird hier ausgebreitet. Wie harmlos sind dagegen die Sugar-Sisters, die mit ihren knallbunten Röckchen, ihren gymnastischen Twist-Bewe-gungen, mit ihrem monotonen Herzschmerz um „Honey in the Morning” und „Teenager in Love” das Heile-Welt-Bewußtsein der frühen sechziger Jahre austoben.

„THE MASK” AUS AMSTERDAM AUF DEM LIEBFRAUENBERG


Donnerstag, 15. August 1985

FAST WIE IM RICHTIGEN THEATER

Die überdimensionalen Masken, in welche die Akteure des Amsterdamer Theaters „The Mask” geschlüpft sind, erlauben eine plastische und plakative Charakterisierung der Typen, eine Typisierung der Charaktere.

Die Schöne, die dem Frommen den Kopf verdreht, hat es leicht: Das Haupt aus Pappmache ist, wie das eigene, aufgesetzt. Die überdimensionalen Masken, in welche die Akteure des Amsterdamer Theaters „The Mask” geschlüpft sind, erlauben eine plastische und plakative Charakterisierung der Typen, eine Typisierung der Charaktere. Doch die sind nicht aus dem Leben gegriffen, sondern aus dessen schauspielerischem Abbild. Es sind simplifizierte Variationen aus dem Tanztheater, Illustrationen eines musikalischen Themas.
Die Tänzerin mit der sinnlichen Mischung aus Blondhaar und schwellendem Mund weist sich als Salome aus, ihr Opfer Johannes erscheint als Beter im Büßergewand. Hat er sich eben noch devot gewunden, hat zu den stampfenden Rhythmen eines stilisierten Chorals beschwörend mit dem Brevier gestikuliert, um mit den abschwellenden Molltönen vollends zusammenzusinken, da greifen flotte und lebensbejahende Tonfolgen Raum, als weibliche Wollust sich der Bühne bemächtigt. Das Drama nimmt seinen bekannten, hier durch getanzte Schnörkel untermalten Lauf, der Versuchte bleibt standhaft und verliert dafür seinen Kopf. Nun aber holt ihn der Geist der Unterwelt, dessen schwarzes Kostüm dennoch die Gegenseite verkörpert.
Blutig und tragisch geht es auch sonst zu — fast wie im richtigen Theater. Zwei in weißen Tüll gewandete Liebende, begleitet von einem Streicher-Rührstück, schmachten sich an, jubilieren in grazilen Ballettsprüngen und versinken in selbstvergessene Kreise, bis sie zum sublimierenden Gedröhn aus der Laut-sprecherbox Erfüllung im gemeinsamen Selbstmord finden. Ein Querschnitt aus dem Repertoire des Melodrams, das Ritual der Affekte wird hier ausgebreitet. Wie harmlos sind dagegen die Sugar-Sisters, die mit ihren knallbunten Röckchen, ihren gymnastischen Twist-Bewe-gungen, mit ihrem monotonen Herzschmerz um „Honey in the Morning” und „Teenager in Love” das Heile-Welt-Bewußtsein der frühen sechziger Jahre austoben.