Rhein-Main-Presse | FEUILLETON


Foto: Finale aus der Muschel — kredenzt vom .Nieuw symbolistisch Theater”.

HOHE KUNST IN EINEM BAD AUS SPOTT

Das „Neue Symbolistische Theater Amsterdam” gastiert im Pariser Hoftheater

gbs. — Versprochen wird ein „neo¬dekadentes Plagiat der Schönen Künste”, eine Schöpfung, die den melodramatischen Klischees folgt. Was das aus Jugoslawien gebürtige, heute in Holland lebende Tänzer¬und Choreographen-Ehepaar Iva und Petar Mandich mit dem „Nieuw Symbolistisch Theater Amsterdam” bis einschließlich 22.10. im Pariser Hoftheater aufführt, gleicht einer frappierenden Mischung aus Tanztheater, Farce, Parodie und absurdem Theater. Geboten wird ein Doppelprogramm, das mit „Der Triumph der Treue” (Le triomphe de la f idelite – Visuelle Komödie”) beginnt.
Die beiden grazilen Akteure, die vom Kostüm bis zur Regie auch für alles übrige verantwortlich sind, machen bekannt mit ihren ungewöhnlichen Masken: fratzenhafte Schwellköpfe aus Pappmache. Die Körper darunter setzten in ihren Bewegungen ausdrucksstark fort, was die Masken an Physiognomie eher betont grobkörnig anzeigen. Die Darbietung der vom Straßentheater her kommenden Künstler gewinnt durch räumliche Distanz und benötigt ein mitgehendes, nicht pikiert reagierendes Publikum — mit hoher Kultur versteht sich… Zuschauer waren bei der Wiesbadener Premiere so gut wie gar nicht vorhanden. Iva und Petar Mandich hinderte dies nicht daran, ihre Spiellust auszuleben.
An allem, was zu den Errungenschaften bildungsbürgerlicher Kultur gehört, was verehrt und oft auch verstaubt auf symbolischen Podesten ruht, wird gekonnt gerüttelt. Untermaltund beflügeltvon einfallsreichen Kostümen, einer respektlos alles mischenden Musik-Collage und origineller Szenerie, landet der Tempel der Kultur unter Einsatz höchster Präzision in ironischen Wogen. Aufgebaut als Show, manchmal auch als Erotic-Horror-Show, moderiert ein zynischer Conferencier die Szenen quer durch das Klassik-Repertoire von Oper, Ballett und Drama. Köstlich sind zahlreiche, für ständig neue Überraschung sorgende aus statterische Gags, so daß es beim „Schwanensee” gar zu einer kultu¬rellen Mutation kommt.
Es wird häufig dick aufgetragen und betont kolportiert, doch dies liegt auch an den, zarte Töne nicht so vertragenden Masken, all das angelehnt an die „Urmutter” solch Komödiantentums, die Commedia dell’arte. Deutlich klingen e gewisse Dekadenz und wenig versteckte Lüsternheit der Masken-Gestalten durch.
Etwas tiefgründiger noch und schwarzhumoriger dann „Mme Leopoldines Memoires”. Eine alte Jungfer bereitet zu ihrem Geburtstag eine grüße Torten-Orgie vor, die sich zunehmend zu einem, das absurde Theater ä la lonesco zitierenden rituellen Pompe funebre entwickelt. Obwohl die tänzerische Bewegungsskala etwas gleichbleibend wirkt, teilt sich bei aller Morbidität auch menschliches Mitgefühl für jene Frauen mit, die den Brautschleier nie tragen konnten und mit Puppen-Männchen spielen. Diese im Grunde grausige Szene gewinnt zudem durch einen beredt ersonnenen Klangteppich.

Rhein-Main-Presse | FEUILLETON


Foto: Finale aus der Muschel — kredenzt vom .Nieuw symbolistisch Theater”.

HOHE KUNST IN EINEM BAD AUS SPOTT

Das „Neue Symbolistische Theater Amsterdam” gastiert im Pariser Hoftheater

gbs. — Versprochen wird ein „neo¬dekadentes Plagiat der Schönen Künste”, eine Schöpfung, die den melodramatischen Klischees folgt. Was das aus Jugoslawien gebürtige, heute in Holland lebende Tänzer¬und Choreographen-Ehepaar Iva und Petar Mandich mit dem „Nieuw Symbolistisch Theater Amsterdam” bis einschließlich 22.10. im Pariser Hoftheater aufführt, gleicht einer frappierenden Mischung aus Tanztheater, Farce, Parodie und absurdem Theater. Geboten wird ein Doppelprogramm, das mit „Der Triumph der Treue” (Le triomphe de la f idelite – Visuelle Komödie”) beginnt.
Die beiden grazilen Akteure, die vom Kostüm bis zur Regie auch für alles übrige verantwortlich sind, machen bekannt mit ihren ungewöhnlichen Masken: fratzenhafte Schwellköpfe aus Pappmache. Die Körper darunter setzten in ihren Bewegungen ausdrucksstark fort, was die Masken an Physiognomie eher betont grobkörnig anzeigen. Die Darbietung der vom Straßentheater her kommenden Künstler gewinnt durch räumliche Distanz und benötigt ein mitgehendes, nicht pikiert reagierendes Publikum — mit hoher Kultur versteht sich… Zuschauer waren bei der Wiesbadener Premiere so gut wie gar nicht vorhanden. Iva und Petar Mandich hinderte dies nicht daran, ihre Spiellust auszuleben.
An allem, was zu den Errungenschaften bildungsbürgerlicher Kultur gehört, was verehrt und oft auch verstaubt auf symbolischen Podesten ruht, wird gekonnt gerüttelt. Untermaltund beflügeltvon einfallsreichen Kostümen, einer respektlos alles mischenden Musik-Collage und origineller Szenerie, landet der Tempel der Kultur unter Einsatz höchster Präzision in ironischen Wogen. Aufgebaut als Show, manchmal auch als Erotic-Horror-Show, moderiert ein zynischer Conferencier die Szenen quer durch das Klassik-Repertoire von Oper, Ballett und Drama. Köstlich sind zahlreiche, für ständig neue Überraschung sorgende aus statterische Gags, so daß es beim „Schwanensee” gar zu einer kultu¬rellen Mutation kommt.
Es wird häufig dick aufgetragen und betont kolportiert, doch dies liegt auch an den, zarte Töne nicht so vertragenden Masken, all das angelehnt an die „Urmutter” solch Komödiantentums, die Commedia dell’arte. Deutlich klingen e gewisse Dekadenz und wenig versteckte Lüsternheit der Masken-Gestalten durch.
Etwas tiefgründiger noch und schwarzhumoriger dann „Mme Leopoldines Memoires”. Eine alte Jungfer bereitet zu ihrem Geburtstag eine grüße Torten-Orgie vor, die sich zunehmend zu einem, das absurde Theater ä la lonesco zitierenden rituellen Pompe funebre entwickelt. Obwohl die tänzerische Bewegungsskala etwas gleichbleibend wirkt, teilt sich bei aller Morbidität auch menschliches Mitgefühl für jene Frauen mit, die den Brautschleier nie tragen konnten und mit Puppen-Männchen spielen. Diese im Grunde grausige Szene gewinnt zudem durch einen beredt ersonnenen Klangteppich.